„Oma, nun denk doch mal nach …“

Großer Andrang bei Demenz-Vortrag von Sophie Rosentreter

im Cusanus Krankenhaus Bernkastel-Kues

3.7.2017 | Mit über 100 Besuchern, größtenteils ehren- oder hauptamtlich Pflegenden aus ambulanten Diensten, Kliniken und Pflegeeinrichtungen sowie interessierte Angehörige, war die Cafeteria  im Cusanus Krankenhaus Bernkastel-Kues an diesem heißen Juninachmittag randvoll besetzt. Draußen 36 Grad, drinnen gefühlte 46 Grad, doch kein einziger Platz blieb frei, als die ehemalige MTV-Moderatorin über das Thema sprach, dass sie seit vielen Jahren bewegt und antreibt: Hilfe und Unterstützung für dementiell veränderte Menschen, ihre Angehörigen sowie Pflegenden zu geben. Rosentreter war auf Einladung der Akutgeriatrie im Verbundkrankenhaus in Zusammen- arbeit mit dem Caritasverband Mosel-Eifel-Hunsrück e.V. sowie der Verbandsgemeinde Bernkastel-Kues aus Hamburg an die Mosel gereist. Ihr Vortrag beleuchtete die ver- schiedenen Sichtweisen von Betroffenen, Pflegenden und Angehörigen, gespeist aus der persönlichen Erfahrung aus der langjährigen Begleitung ihrer an Demenz erkrankten und inzwischen verstorbenen Oma Ilse, als auch aus Gesprächen mit Therapeuten,  gerontopsychiatrischen Experten sowie vielen Begegnungen mit Betroffenen und Pflegenden. Es geht ihr um Achtsamkeit, Respekt, um ein neues Sich-Aufeinander- Einlassen. "Die Demenz ist kein schrittweiser Verlust des Geistes sondern dessen Veränderung", betont Rosentreter einleitend. Unberührt von dieser Veränderung sieht  sie die spirituelle oder auch seelische Seite des Geistes, die durch Traurigkeit oder Vereinsamung Schmerzen erleidet. Das Kurzzeitgedächtnis geht verloren Retrospektiv gesehen weiß sie heute, dass sie bei ihrer Oma Ilse aus Unwissenheit viel falsch gemacht habe. Zu oft hätte sie vorwurfsvoll: "Oma, jetzt denk doch mal nach" gesagt, um zu ergänzen: "... wo Du den Schlüssel hingelegt hast, oder was wir vor 5 Minuten besprochen haben, etc." Viele Angehörige wüssten oft kaum, welche genauen Auswirkungen eine Demenzerkrankung haben kann. Sie erinnert sich selbst mit Scham an viele Male, wo sie mit Mitarbeitern im Pflegeheim geschimpft habe, weil die weiße Bluse der Oma weg war, eine Brosche vermeintlich gestohlen oder Ilse nicht beschäftigt wurde. Heute weiß sie: das Kurzzeitgedächtnis Betroffener geht unwieder- bringlich verloren! Es kommt auch sicher nicht mit einem "Denk doch mal nach" zurück! Und weiße Blusen wechseln dann im Fünf-Minuten-Takt ihre Besitzerin, das Wissen um Schmuckverstecke unter der eigenen Matratze verschwindet ebenso wie die Erinnerung an eine eben abgelehnte Einladung zum gemeinsamen Singen im Aufenthaltsraum. Was spaßig klingen mag, führt in der Realität häufig zu unberechtigten Vorwürfen gegen Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen und erschwert ihren ohnehin dichten Tagesablauf. Rosentreter wirbt für mehr gegenseitiges Verständnis und Austausch. Bisherige Rollen ändern sich  Ein weiteres sensibles Thema: Demenzkranke erkennen ihre Angehörigen oft nicht mehr. "Halten Sie bisherige Rollen nicht fest", ermutigt Rosentreter ihre Zuhörer, "Hauptsache, Sie werden als jemand angesehen, der gemocht wird und dessen Worte angenommen werden". Sophie Rosentreter gibt an diesem Nachmittag den Vortrags- besuchern viele wertvolle Anregungen für den Alltag mit, u.a. wie die Badausstattung angepasst werden kann, dass weißes Geschirr auf weißen Tischtüchern schwer sicht- und greifbar ist, oder, dass Farbunterschiede im Fußboden Stolperfallen sind, da sie oft als Höhenunterschied missdeutet werden. Ihr Fazit: Wie bei Gesunden auch, so hat das Empfinden im Moment speziell für dementiell veränderte Persönlichkeiten einen ent- scheidenden Einfluss auf das generelle Wohlgefühl. Neben erfüllten Grundbedürfnissen tragen, auch und gerade bei Demenz, Berührungen, Düfte, Musik, klare achtsame Kommunikation und Beschäftigung dazu bei, dass man sich wohlfühlt. Weitere Informationen unter www.ilsesweitewelt.de